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Sarah TheinertFamiliencoaching & Neonatalbegleitung

ADHS ·

Reiß dich einfach ein bisschen mehr zusammen!

Es gibt Sätze, die begleiten einen ein Leben lang. Über eine späte ADHS-Diagnose, Erschöpfung als Mama – und warum hinter jedem Verhalten ein Grund steckt.

„Reiß dich einfach ein bisschen mehr zusammen.“

Es gibt Sätze, die begleiten einen ein Leben lang. Einer davon war für mich: „Reiß dich einfach ein bisschen mehr zusammen.“ Nicht, weil jemand das ständig zu mir gesagt hätte. Sondern weil ich es selbst geglaubt habe. Jahrelang.

Ich bin Sarah. 43 Jahre alt, Heilpädagogin, Familiencoach und Mama. Heute begleite ich Familien mit ADHS, mit Regulationsstörungen, mit besonderen Herausforderungen im Alltag. Viele denken deshalb, ich hätte schon immer gewusst, dass ADHS ein Teil meines eigenen Lebens ist. Das Gegenteil ist der Fall.

Das angepasste Mädchen, das Kind, das nicht auffiel. Weder besonders gut noch besonders schlecht in der Schule. Meine Noten irgendwo im Mittelfeld. Beliebt, viele Freunde und nie Ärger. Von außen sah alles unauffällig aus.

Trotzdem habe ich mich fast nie gemeldet. Nicht, weil ich nichts wusste – sondern weil ich Angst hatte, etwas Falsches zu sagen. Ich bin jede Antwort erst zehnmal im Kopf durchgegangen. Während andere längst den Finger oben hatten, war der Moment für mich schon wieder vorbei.

Ich dachte, das wäre einfach meine Persönlichkeit. Schüchtern. Unsicher. Vorsichtig. Heute weiß ich: Vieles davon hing wahrscheinlich schon damals mit meinem ADHS zusammen. Aber das wusste damals niemand. Ich am wenigsten.

Die Kinder, die mich gefunden haben

Schon früh wusste ich, dass ich mit Kindern arbeiten möchte. Und es waren nie die Kinder, die einfach so mitliefen. Mich haben immer die berührt, die andere als „anstrengend“, „laut“ oder „herausfordernd“ beschrieben haben. Die, die ständig in Bewegung waren. Die schnell wütend wurden. Die besonders sensiblen. Oder die, die scheinbar nie richtig dazugehören durften.

Ich habe diese Kinder sehr gemocht und hatte immer einen guten Draht zu ihnen. Und irgendwie haben sie immer auch mich gefunden. Damals konnte ich nicht erklären, warum. Heute glaube ich: Ich habe schon immer gespürt, dass hinter jedem Verhalten eine Geschichte steckt.

Ein Kind macht nichts ohne Grund. Davon bin ich bis heute überzeugt – deshalb arbeite ich seit über 25 Jahren mit Kindern und Familien. Nicht, weil ich Patentlösungen habe. Sondern weil ich verstehen möchte, was hinter dem Verhalten steckt, und es gemeinsam mit den Eltern herausfinde.

Das größte Puzzleteil fehlte

Beruflich habe ich mich schon viele Jahre mit ADHS beschäftigt – vor allem, weil mehrere Familienmitglieder betroffen sind. Damit begann eine Reise: Bücher, Fortbildungen, Gespräche mit Fachleuten. Ich habe unglaublich viel gelernt. Aber nie kam mir der Gedanke: Vielleicht betrifft das alles auch mich. Denn ich funktionierte. Zumindest dachte ich das.

Dann kam 2022

2022 veränderte mein Leben. Ich erkrankte an Krebs. Nach der Behandlung wurde ich in die künstlichen Wechseljahre versetzt. Ich wusste damals nicht, welchen Einfluss Hormone auf ADHS haben können. Heute weiß ich: Bei vielen Frauen werden die Symptome in dieser Lebensphase deutlich stärker. Genau das ist bei mir passiert.

Plötzlich war mein Akku ständig leer. Nicht das normale „Ich bin müde“ – sondern eine Erschöpfung, die ich kaum beschreiben kann. Der Alltag fühlte sich schwer an. Mama sein fühlte sich schwer an. Selbst Kleinigkeiten kosteten mich unendlich viel Kraft.

Ich schaute andere Mütter an und fragte mich immer wieder: Warum schaffen die das – und ich nicht? Dieses Gefühl kannte ich schon mein ganzes Leben. Aber plötzlich wurde es so laut, dass ich nicht mehr weghören konnte.

Meine Tochter hat mir die Augen geöffnet

Durch sie beschäftigte ich mich immer intensiver mit dem Thema. Irgendwann bemerkte ich etwas Merkwürdiges: Je mehr ich über ADHS bei Frauen las, desto häufiger dachte ich – das klingt nach mir. Nicht nur ein bisschen. Erschreckend oft.

Ich ließ mich testen. Und dann kam die Diagnose. Es war keine Erleichterung im Sinne von „endlich habe ich eine Diagnose“. Es war eher ein tiefes Aufatmen. Plötzlich machten so viele meiner Verhaltensweisen Sinn. Die Erschöpfung. Das Gedankenchaos. Das ewige Gefühl, mich mehr anstrengen zu müssen als andere. Die Reizüberflutung. Die Selbstzweifel.

Ich war nicht faul. Nicht undiszipliniert. Nicht zu empfindlich. Mein Gehirn arbeitet einfach anders. Heute weiß ich, meine Diagnose hat mich nicht verändert. Sie hat mir erlaubt, mich endlich zu verstehen.

Du bist nicht falsch

Und genau das wünsche ich den Familien, die zu mir kommen. Denn hinter jedem Verhalten steckt ein Grund. Das gilt für Kinder. Und genauso für uns Erwachsene.

Vielleicht hast du dich beim Lesen an der einen oder anderen Stelle wiedergefunden. Vielleicht kämpfst du gerade mit deinem Kind. Vielleicht mit dir selbst. Vielleicht mit beidem. Dann möchte ich dir etwas sagen, das ich selbst viel früher hätte hören müssen:

Du bist nicht falsch. Und dein Kind auch nicht.

Manchmal brauchen wir keine bessere Erziehung. Keine strengeren Regeln. Keine perfekte Morgenroutine. Manchmal brauchen wir einfach jemanden, der uns hilft zu verstehen. Genau deshalb gibt es meine Praxis. Und genau deshalb schreibe ich diesen Blog. Schön, dass du hier bist. – Sarah

#ADHS#Spätdiagnostiziert#Familie#Erschöpft#Mama#Familiencoaching

Du musst nicht auf alles allein eine Antwort finden.

Manchmal beginnt Veränderung mit einem ersten Gespräch. Gemeinsam schauen wir, welche Unterstützung zu dir und deiner Familie passt.